Die Kritik an Face-App hat sich als Fehlalarm raugestellt. Aber was ist eigentlich mit all der anderen Software, die wir täglich verwenden?

Vergangene Woche zerfiel meine Twitter-Timeline in zwei Lager. Die einen posteten fröhlich Fotos von sich, die sie mit Face-App erstellt hatten – einer App, die Menschen 30 Jahre älter (oder jünger) aussehen lässt. Die anderen warnten vor dieser App: Es handele sich um ein unübersichtliches Datenschutzrisiko, schließlich würde der russische Anbieter nach und nach eine Datenbank mit Tausenden, vielleicht Millionen von Gesichtern auf seinen Servern ansammeln.

Schnell entpuppte sich die Aufregung als Fehlalarm. Zwar fehlten durchaus die Datenschutzhinweise, die für eine legale Verbreitung der App in der EU gemäß der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) nötig wären. Und der Zugriff auf sämtliche Fotos auf dem Smartphone der Nutzerïnnen, den die App anfordert, wäre so nicht nötig, aber im Großen und Ganzen tut die App nichts anderes, als es zahllose ähnlich verspielte Foto-Apps auch machen.

Viele fanden, am Ende mache Face-App auch nichts anderes als Facebook, Instagram oder Snapchat. Und wenn man Face-App aus Datenschutzgründen bleiben lasse, müsse man auch von all den anderen Apps Abstand nehmen. Schließlich ist es doch Facebook, das seit Jahren eine Gesichtserkennung betreibt – die übrigens ausgerechnet angesichts des Inkrafttretens der DSGVO auch in der EU erst vor wenigen Monaten wieder freigeschaltet wurde. Diese Funktion lässt sich als Datenschutz-Horror begreifen, aber eben auch als Komfort-Funktion, die im Kontext des Zwecks von Facebook viel Sinn ergibt.

Vergleich zwischen Face-App und Facebook hinkt
So ein Vergleich zwischen Facebook und ähnlichen Diensten einerseits und Face-App andererseits hinkt sehr. Es ist gerade der Witz sozialer Medien, dass die Menschen unter anderem Fotos von sich im Internet veröffentlichen. Facebook trägt das schon im Namen und es funktioniert halt nicht ohne, dass die Fotos bei den verschiedenen Diensten hochgeladen und auf ihren Servern gespeichert werden.

Bei Face-App ist es anders. Face-App ist kein soziales Netzwerk, keine Plattform, um sich gegenseitig zu vernetzen und den eigenen Freunden oder gar der Öffentlichkeit Bilder zu zeigen, sondern einfach nur eine App, die auf spannende Weise Fotos verfremdet. Ein dauerhaftes Speichern oder das Recht auf kommerzielle Verwertung der Fotos sind für die Funktion von Face-App überhaupt nicht notwendig. Und dass ein Anbieter so etwas will, kommt für Anwenderïnnen deshalb überraschend. Allerdings spricht im Fall von Face-App einiges dafür, dass es dem Anbieter hier eher um Sorglosigkeit der Programmiererïnnen statt um sinistre Absichten geht.

Sinnvoller wäre, eine geistige Verbindung zu Windows und Android zu ziehen. Denn Face-App kann ich einfach bleiben lassen. Das gilt im Grunde auch für sämtliche soziale Medien. Sogar Whatsapp lässt sich durch alternative Messenger wie Signal ersetzen. Die einen sehen darin eine fast unerträgliche Einschränkung ihres Soziallebens, die anderen – mich eingeschlossen – freuen sich, nicht ständig irgendwelchen Whatsapp-Gruppen hinzugefügt und mit irrelevantem Geplapper in Gruppenchats vollgespamt zu werden.

Betriebssysteme telefonieren nach Hause
Reden wir also nicht über Face-App, Messenger und die ganzen Social-Media-Apps sondern lieber über unsere Betriebssysteme. Windows, Android und die Systeme von Apple telefonieren ausgiebig nach Hause und sammeln in den Standard-Einstellungen zahlreiche Daten über die Anwenderïnnen. Und denen wird es schwer gemacht, das zu vermeiden.

Apple versucht immerhin, sich datenschutzfreundlich zu verhalten, und benutzt das als Marketing-Argument. Windows lässt sich durchaus ohne Microsoft-Account betreiben und auch Android kann man weitgehend von Google-Diensten befreien, aber dazu ist einiges an Zeitaufwand und Wissen über die Funktionsweise und Einstellungen der Betriebssysteme nötig, das die meisten Anwenderïnnen eher nicht mitbringen.

Doch Windows und Android tun alles, um ihre Nutzerïnnen dazu zu bringen, Accounts anzulegen und möglichst viele Daten preiszugeben. Auch wenn man natürlich Linux auf einem Laptop installieren kann, ist ein Verzicht auf Windows und Android für die meisten Menschen gleichbedeutend mit einem Verzicht aufs jeweilige Gerät. Sich Face-App zu verkneifen und vor der App zu warnen, gibt am Ende das angenehme Gefühl, etwas für den eigenen Datenschutz getan zu haben, während die eigentlichen Probleme verdrängt werden. Vielleicht ist die Kritik an Face-App also ein guter Anlass, mehr darüber zu sprechen.

 

Quelle: https://t3n.de/news/face-app-datenschutz-problem-1180907/